Der Einfluss von Pranayama auf Atmung und Körpergeschehen

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Der Einfluss von Pranayama auf Atmung und Körpergeschehen

Prana, die Lebensenergie, hält Leib und Seele zusammen und ist für das Lebendig sein verantwortlich. Er fließt ständig durch den Atemprozess in den Körper. Atmen ist nicht einfach ein mechanisches Phänomen, das die „Körpermaschine“ am Laufen hält, indem ihr Treibstoff in Form von Sauerstoff zugeführt wird. Vielmehr ist der Atem die Verbindung mit dem Kosmos. Pranayama umfasst ausgeklügelte Atemtechniken. Durch sie erlangt man Kontrolle über den Prana und damit die Fähigkeit, kosmische Lebensenergie zu wohltuenden Zwecken in verschiedene Körperregionen zu lenken. Pranayama ist die vierte Stufe auf Patanjalis achtgliedrigem Yogaweg und stellt den Übergang vom äußeren und grobstofflichen Yogaweg, Bahiranga, zum inneren und feinstofflichen Yogaweg, Antaranga, dar. Die ersten drei Stufen Yama (ethische Gebote), Niyama (persönliche Regeln) und Asana (Sitz, Yogahaltung) stabilisieren den Körper. Kontrolliertes und exaktes Üben von Pranayma bereitet das Bewusstsein allmählich auf die nächsten Stufen: Pratyahara (Rückzug der Sinne), Dharana (Konzentration) und Dhyana (Meditation) vor. Ziel des achtgliedrigen Yogaweges ist Samadhi, die Identifikation mit der Schöpfung und damit die Verbindung mit dem gesamten Universum.

Die Yogasutra des Patanjali (I/2) sagt aus, dass sich durch die Verlangsamung des Atems auch der Geist beruhigt: „citta-vrtti-nirodha“. In den Sutren (II/49-53) heißt es sinngemäß, dass durch Pranayama das innere Licht zum Leuchten gebracht, der Schleier der Unkenntnis gelüftet und der Geist zur Aufmerksamkeit, Dharana, fähig wird. Speziell Sutra (II/50) beschäftigt sich mit den drei Aspekten des Pranayama: Recaka, Puraka und Kumbhaka.

In der Tradition von Dr. Swami Gitananda spielen vier Aspekte oder Phasen des Pranayama eine Rolle: Puraka (Einatmung), Kumbhaka (Halten des Atems mit voller Lunge), Recaka (Ausatmung) und Sunyaka (Halten des Atems mit leerer Lunge). Puraka bedeutet: „in die Seele eintreten“. Jede Einatmung ist durch die Aufnahme von Sauerstoff und Prana wie eine Wiedergeburt. Tiefes Einatmen ist das erste, was ein Säugling nach der Geburt tut. Kumbhaka heißt übersetzt „Gefäß“. Die Lunge ist das Gefäß, das vollgefüllt ist. Jetzt laufen viele wichtige Prozesse im Körper ab. Die gesamte Einatemmuskulatur bleibt aktiv. Zu dieser Zeit findet der Gasaustausch in den Lungenbläschen statt. Kohlenstoffdioxid verlässt den Blutkreislauf. Sauerstoff und Prana gehen in den Körper über. Dadurch steigt der Sauerstoffgehalt im Blut an. Es finden vermehrt Oxidationsprozesse im Körper statt, was eine leichte Erhöhung der Körpertemperatur zur Folge hat. Dieser Effekt wird durch das Verbrennen von Kohlenhydratmolekülen und der damit einhergehenden Freisetzung von Wasser und Wärme erzielt. Dieser leichte Anstieg der Körpertemperatur wirkt antibakteriell und unterstützt so das Immunsystem. Der ph-Wert des Blutes sinkt gleichzeitig. Während des Haltens der Luft in der Lunge, wird diese erwärmt und dehnt sich aus. Dadurch vergrößert sich das Volumen der Luft und die Lunge expandiert. So wird ein positiver Impuls zur Vergrößerung des aktiven Atemvolumens gesetzt. Im Kumbhaka erfährt der Körper einen Zustand von Fülle und Reichtum. Es ist jetzt so viel Sauerstoff gespeichert, dass die Verbrennungsvorgänge in allen Organen, Muskeln, Nervenzellen, Drüsen, dem Gehirn und jeder einzelnen Zelle bestmöglich ablaufen. Die Nahrung wird optimal aufgespalten, so dass der gesamte Körper mit Nährstoffen versorgt wird. Dieser Prozess trägt in hohem Maße zur Gesunderhaltung des Körpers bei. Recaka kann mit: „aus dem hier heraus“ übersetzt werden. Diese Phase ist ein Reinigungsprozess. Jetzt werden O2Überschuss und CO2, das vom Blut in die Lunge diffundierte, zusammen mit der restlichen Luft losgelassen und ausgeatmet. Recaka hat damit eine befreiende und entspannende Wirkung auf den Körper. Die Lunge wird geleert, um Platz für neue, frische Atemluft zu schaffen. Jede Ausatmung ist wie ein kleiner Abschied in Vorbereitung auf das Sterben. Das Letzte, was der Mensch im Leben tut, ist tief auszuatmen. Ein- und Ausatmung stellen die Dualität des Lebens dar: Geben und Nehmen, Fülle und Leere, Leben und Sterben. Ihnen wird im Yoga der gleiche Stellenwert beigemessen. Sunyaka (sunya heißt „Null“) bedeutet: „Hier ist die Leere“. Jeder Ausatmung folgt eine natürliche Pause, die die Yogis zu Sunyaka ausdehnen. Diese Phase bereitet den Körper auf die Einatmung, die Wiedergeburt, vor. B.K.S. Iyengar schreibt in seinem Buch „Licht auf Yoga“: „Das Leben des Yogi bemisst sich nicht nach der Zahl seiner Lebenstage, sondern nach der Anzahl einer Atemzüge“. Das Praktizieren von Pranayama wirkt demnach Lebensverlängernd. Das zweite Kapitel der Hatha-Yoga-Pradipika trifft Aussagen über die Wirkungsweise von Pranayama auf den Körper und die Psyche des Menschen: (II/2) Erreichen der Beständigkeit des Denkens durch Bezähmung des Atems (II/4-10) Reinigung der Nadis durch Nasenwechselatmung, (II/16-20) positive Wirkung auf Asthma, Husten, Kopf-, Ohren-, Augenschmerzen, die Hautfarbe, den Appetit und die Vitalität, (II/40) Überwindung der Todesangst, (II/42) Integration des Nervensystems durch Festigkeit im Denken und zur Ruhe kommen des Geistes.

 

Katrin Burga Steiner – Yogalehrerin BDY/EYU