Essay über Mudras

Essay über Mudras

Das Essay über Mudras möchte Ihnen einen kleinen Ausschnitt aus der großen Welt der Mudras näher bringen.

Der Begriff „Mudra“ wird übersetzt mit „Siegel“ oder „Prägung“. Ihm können viele Bedeutungen zugeordnet werden. So bezeichnet man als Mudra: Gesten, mystische Stellungen der Hände, spezielle Siegel, einschlägige Symbole, Augenstellungen, Körperhaltungen und Atemtechniken, die allesamt bestimmte Bewusstseinsvorgänge bildhaft darstellen. Im Umkehrschluss kann man behaupten, dass durch das Ausführen entsprechender Mudras die Bewusstseinszustände erreicht werden können, die sie symbolisieren.

An dieser Stelle drängt sich die Frage auf: Wodurch wird diese Wirkung erzielt? Dass der Code des gesamten Körpers einschließlich aller Charaktereigenschaften in jedem einzelnen Zellkern angelegt ist, wurde von westlichen Naturwissenschaftlern festgestellt. Dementsprechend ist auch der Heilungsansatz vieler Ärzte und Gelehrter aus dem Osten, der besagt, dass Körper, Geist und Seele sich in jedem Fingerglied, jedem Finger und in der gesamten Hand widerspiegeln, ernst zu nehmen. Mudras zeigen ihre Wirkung sowohl auf der grobstofflichen, körperlichen Ebene als auch in feinstofflichen Bereichen, da jeder Mensch ein persönliches und einzigartiges Energiefeld besitzt. Zur Wahrnehmung der subtilen Schwingungen, die diese Energiebahnen und –felder aussenden, bedarf es einer gewissen Sensibilität oder Hellsichtigkeit. Im Ayurveda ordnet man die fünf Elemente beziehungsweise die ersten fünf Chakras bestimmten Fingern zu.

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Nach Kashav Dev, einem indischen Heiler und Mudra-Forscher, ist es möglich, durch das Berühren eines Fingers mit dem Daumen, das entsprechende Element zu harmonisieren. Die Traditionelle Chinesische Medizin bezieht sich auf den Verlauf feinstofflicher Energieströme, der Meridiane, in denen Qi, die Lebenskraft, fließt.

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Diese Darstellungen geben einen kleinen Einblick in die Vielfältigkeit des gesamten Systems.

Das Einnehmen der Mudras

Das Einnehmen der Mudras, speziell der Handgesten, kann im Sitzen, Liegen, Stehen oder Gehen erfolgen, wobei immer liebevoll und behutsam vorgegangen werden sollte. Es ist neben dem heilenden Aspekt, der angestrebt wird, auch immer eine heilige Geste. Deshalb werden Mudras vorzugsweise in einer meditativen und ausgeglichenen Stimmung praktiziert. Die Hände sind während des Haltens der Mudra entspannt und die Finger üben einen feinen und leichten Druck aus. Oft ist eine längere Übungspraxis von Nöten, um gewisse Gesten exakt darstellen zu können. Der Grund dafür liegt in der Beweglichkeit der Hände, die einen Bezug zur Beweglichkeit des gesamten Körpers hat.

Mudras zur Wirkungsverstärung von Asanas und zur Heilung

Chinesische Heilkundler behaupten, dass das Alter eines Menschen anhand der gespreizten Finger ermittelt werden kann. Nach und nach lösen sich die Verspannungen in den Händen und damit auch in den entsprechenden Köperstellen auf, die Hände werden beweglicher und kräftiger. Vielleicht fühlt sich der Übende allgemein jünger, beweglicher und frischer, weil innere Energieströme wieder frei fließen können. Werden Mudras speziell zum Zwecke der Heilung eingesetzt, sollten diese regelmäßig und über längere Zeit gehalten werden. Keshav Dev gibt als Orientierungshilfe an, dies fünfundvierzig Minuten pro Tag, wahlweise in drei Zeiteinheiten a fünfzehn Minuten zu tun. Setzt man die Mudra zur Wirkungsverstärkung bestimmter Asanas ein, richtet sich die Zeitdauer des Haltens natürlich nach der Übungssequenz.

Mudras und Meditation

Eine weitere Möglichkeit ist, die gewählte Mudra während einer Meditation zu praktizieren oder auf diese Mudra zu meditieren. Sinn und Zweck der Meditation (zum Beispiel Entscheidungen treffen, Rat und Trost finden, Klarheit und Licht ins Leben bringen) werden so unterstützt. Um einen freien Energiefluss durch den Körper während des Meditierens zu gewährleisten, ist es hilfreich, folgende Punkte zu beachten:

  • Wahl eines angenehmen und aufrechten Sitzes
  • Wirbelsäule aufrichten, so dass sie flexibel ist und sich in ihrer natürlichen Doppel-S-Form befindet
  • Hände im Mudra liegen locker auf den Oberschenkeln
  • Schulterblätter rutschen den Rücken herunter Richtung Kreuzbein und lassen die Schultern breit werden
  • Brust ist dadurch weit und der Atem kann frei fließen
  • Kopf sitzt leicht und fast schwerelos auf der Wirbelsäule
  • Atem fließt gleichmäßig.

Während der Meditation ist die gesamte Aufmerksamkeit auf die Mudra, das Spüren der Hände und das Beobachten des Atems gerichtet. Zur positiven Verstärkung können entsprechende Affirmationen und Visualisierungen genutzt werden. Als Beispiel soll hier das Jnana-Mudra dienen.

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Daumen und Zeigefingerspitzen berühren sich, wobei alle anderen Finger gestreckt sind und die Handfläche nach oben zeigt. Jnana-Mudra, die Geste des Bewusstseins, ist eine der bekanntesten Mudras des Hatha-Yoga. Sie wird eingesetzt, um die Konzentration zu fördern und einen klaren Kopf in allen Lebenslagen zu bewahren. Das Element Feuer (Manipura-Chakra) und Luft (Anahata-Chakra) treffen aufeinander. Als Affirmation, die voller Glauben und mit innerer Gelassenheit gesprochen oder gedacht wird, kann dienen: „Göttliche Weisheit berührt mein Herz und zeigt mir den Weg.“ Das Visualisieren der Farbe Weiß ist ebenfalls ein Hilfsmittel, eine kräftigere Wirkung der Mudra während der Meditation zu erzielen. Weiß (weißes Licht) trägt alle sieben Farben des Regenbogens in sich und verkörpert Ganzheit, Frieden und die Dualität von Leere und Fülle, Geburt und Tod.

Mudras und Farben

Farben haben generell eine starke Wirkung auf den Organismus. Sie beeinflussen die Hirnaktivität und den Gemütszustand. Je nachdem, welches Ziel mit einer Asana, Mudra oder Meditation angestrebt wird, kann das Visualisieren der entsprechenden Farbe als Katalysator wirken. So steht die Farbe Rot für Stärke, Wärme, Kraft und Leidenschaft; Orange für Freude, Vitalität und Begeisterung; Gelb für Klarheit, Aktivität, Inspiration und Ideenreichtum; Grün für Erneuerung, Natur, Wachstum, Heilung und Ruhe; Blau für Entspannung, Wohlsein, Friedlichkeit und Nachdenklichkeit; Indigo für Geheimnis, Tiefe, Verborgenheit und Erweiterung des Geistes; Violett für Harmonie, Individualität, Veränderung und Spiritualität; Braun für Stabilität und Erdung; Silber für Intuition, Sanftheit und Unterbewusstsein; Gold für Ewigkeit, Vollkommenheit und hohe Ziele; Schwarz für Rückzug, Kräftesammeln, Schutz. Farben verleihen den Mudras Lebendigkeit und eine ganz persönliche Note.

Mudras und Atem

Eine wirkungsvolle Komponente zur positiven Beeinflussung der Mudra ist der Atem. Tiefes Ausatmen zu Beginn der Mudra transportiert Kohlenstoffdioxid und verbrauchte Energie aus dem Körper und schafft Platz. Das sanfte Verlängern der Atempausen nach der Ein- und Ausatmung sorgt dafür, dass der Körper innere Kräfte aufbaut. Zur Unterstützung der Beruhigung und Sammlung wird die Ausatmung verlängert. Der Fokus liegt auf dem Loslassen. Soll eine Mudra der Erfrischung und Regeneration dienen, ist die Einatmung zu verstärken. Fließt der Atem zu jeder Zeit tief, rhythmisch und fein, unterstützt er den Fluss der Lebensenergie (Prana) durch den Körper und sorgt so für inneres Gleichgewicht. Ebenfalls kann mit verschiedenem Druck an den Stellen, an denen sich die Finger in der mudrā berühren, experimentiert werden. Es gibt dabei drei Möglichkeiten. Zur Erfrischung und Willensstärkung werden während der Einatmung die Fingerspitzen etwas mehr zusammengedrückt. Passiert dies in der Ausatmung, fördert es die Entspannung und Beruhigung. Bleibt der Druck sanft und gleichmäßig und wird bewusst während des Ein- und Ausatmens wahrgenommen, tritt eine zentrierende Wirkung ein.

An dieser Stelle nun eine kleine Auswahl von Mudras, die im Yoga oft praktiziert werden:

Die wohl bekanntesten Handgesten im Hatha-Yoga sind Jnana-Mudra und Chin-Mudra. Die Stellung der Finger ist beim Formen des Chin-Mudras gleich dem Jnana-Mudra, welches bereits weiter oben im Text beschrieben wurde. Jedoch zeigen die Handflächen nach unten zur Erde.

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Die drei ausgestreckten Finger symbolisieren die drei Gunas: Sattva (Harmonie), Rajas (Aktivität) und Tamas (Trägheit). Daumen und Zeigefinger sind durch einen Kreis verbunden. Und stellen so die Verbindung zwischen dem menschlichen Bewusstsein, Atman (Zeigefinger), und dem Göttlichen, Brahman (Daumen), dar. Beide Mudras können auf zwei Arten praktiziert werden. Berühren sich Daumen- und Zeigefingerspitzen, wirkt die Mudras passiv und empfangend. Übt der Daumen einen leichten Druck auf den Zeigefingernagel aus, entsteht eine aktive und gebende Haltung.

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Eine weitere oft verwendete Mudra ist Atmanjali-Mudra (Geste des Gebets) welche auch Namaskara-Mudra (Grußhaltung) genannt wird.

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Die Hände liegen vor dem Herzen aneinander, wobei ein kleiner Hohlraum zwischen den Handflächen entsteht. Diese Mudra wird zu Beginn und zum Ende einer Meditation oder des Sonnengrußes (Surya Namaskar) und beim Tönen des Mantras OM praktiziert. Auch benutzt man diese Geste, um Bitten an das Göttliche zu richten und demonstriert damit Dank und Ehrfurcht. Atmanjali-Mudra schenkt Ruhe, Ausgeglichenheit, Klarheit und damit körperliche Kraft. Die Vorstellung, an einem kraftvollen oder heiligen Ort zu sein, der besondere Energie versendet, unterstützt diese Mudra. Als Affirmation kann dienen: „Ich empfange das Gute, das für mich bereit ist, voller Dankbarkeit.“

Zur Darstellung der Meditationsgeste, Dhyana-Mudra liegt die rechte Hand in der linken.

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Die Ellbogen zeigen nach außen und die Finger der jeweiligen Hände liegen eng aneinander. Die Handflächen zeigen zum Himmel, bilden eine Schale, wobei sich die Daumen an den Spitzen berühren und so ein mystisches Dreieck entsteht. Dieses Dreieck steht für göttliches Feuer, das seelische Anhaftungen und Unreinheiten verbrennt. So entsteht Raum für Neubeginn und klare Wahrnehmungen. Die Schalenform bringt zum Ausdruck, dass man frei ist und Platz geschaffen hat, um universelle Energie zu empfangen. Stellt man sich etwas vor, das die Verbindung zur universellen Schöpfungskraft herstellt (Blume, Baum, Licht et cetera) und hüllt sich dabei in Gottvertrauen, verstärkt das die Wirkung dieser Mudra.

Pranava AUM

Zur Unterstützung des Pranava AUM werden die Wirkungen dreier Prana-Mudras auf den Organismus genutzt. Diese beeinflussen durch die Aktivierung bestimmter Meridiane die neuromuskuläre Aktivität der Atmung in bestimmten Lungenlappen. Zum Praktizieren der Bija-Mantras beziehungsweise des Prana-Bijas nimmt man Vajrasana ein. Sollten Knieprobleme bestehen, dann empfiehlt der aufrechte Sitz auf einem Stuhl mit geschlossenen Beinen.

Chin-Mudra

Chin-Mudra gilt als Prana-Mudra für die untere Atmung. Beide Hände formen die Mudra und liegen auf den Leisten. Die Energiebahnen von Lungen- und Dickdarmmeridian werden durch die Berührung von Daumen- und Zeigefingerspitzen geschlossen. Das Tönen des Bija-Mantras „A“ mobilisiert die Lungenbläschen in den unteren Lungenlappen.

Chinmaya-Mudra

Chinmaya-Mudra entsteht, indem sich, wie bei Chin-Mudra, Daumen und Zeigefinger an den Spitzen berühren und dabei einen Kreis bilden. Die restlichen drei Finger sind wie zu einer Faust eingerollt. Der kleine Finger aktiviert dabei den Akkupressurpunkt des Herzmeridians. Beide Hände formen diese Mudra und liegen mit dem Handrücken nach oben auf den Oberschenkeln. Diese Mudra dient der Verbesserung der mittleren Atmung. Zur Unterstützung kann das Bija-Mantra „U“ getönt werden, welches die Lungenbläschen in den mittleren Lungenlappen anregt.

Adhi-Mudra

Adhi-Mudra unterstützt die obere Atmung. Dabei wird der Daumen in die Handfläche gelegt. Die vier Finger umschließen den Daumen zu einer Faust. Beide Hände befinden sich in dieser Mudra und liegen auf den Leisten. Adhi-Mudra wirkt gegen Traurigkeit, Furchtsamkeit, Depression und soll Intuition und Geist stärken. Um den Gasaustausch in den Lungenbläschen der oberen Lungenlappen zu begünstigen, tönt man das Bija-Mantra „M“.

Brahma-Mudra

Brahma-Mudra wird zum Tönen des Pranava AUM eingenommen. Dabei sind die Hände wie zu Adhi-Mudra geformt, liegen jedoch beide in der Körpermitte zwischen Nabel und Zwerchfell. Dabei stoßen die Fäuste aneinander, die Handrücken zeigen nach unten und die kleinen Finger berühren die Bauchdecke, so dass Handrücken und Unterarme eine Linie bilden. Während des Tönens verbinden sich Atmung, Mantra und Mudra zu einer Einheit und wirken damit sowohl auf grobstofflicher Ebene als auch im feinstofflichen Bereich, dem Pranamaya-Kosha. Das trägt zur Stärkung der Aura bei und dient so als Schutzschild gegen negative Schwingungen.

Die große Geste: Maha-Mudra

Wie bereits anfänglich erwähnt, zählen auch Körperhaltungen oder Atemtechniken zu den Mudras. Ein Beispiel dafür ist Maha-Mudra, die große Geste. Sie fördert die Durchblutung des Gehirns sowie des Schulter- und Nackenbereichs, aktiviert die Sinnesorgane und führt den oberen Chakras Energie zu. Maha-Mudra zählt zu den Hathenas, die das Atemvolumen im oberen und vorderen Lungenbereich vergrößern.

Anleitung

Die Ausgangstellung ist Vajrasana, wobei die Finger hinter dem Rücken verschränkt sind. Im aufrechten Sitz erfolgt eine tiefe Einatmung durch die Nase. Ausatmend bewegt sich der Oberkörper zum Boden, bis die Stirn zwischen den Knien ankommt. Es wird dabei durch den Mund ausgeatmet, wobei das Erzeugen eines Zischlautes die Ausatmung verlängert. Um die gesamte Luft ausatmen zu können, führen die gestreckten Arme eine zwei- bis dreimalige Pumpbewegung in Richtung Kopf aus. Es folgt eine kurze Atempause, in der die Arme wieder zum Rücken geführt werden. Einatmend bewegt sich anschließend der Oberkörper in die Senkrechte. Diese Abfolge wird neun Mal wiederholt, wobei die Betonung auf der Ausatmung liegt und die Verschränkung der Finger jedes Mal gewechselt wird.

Die vorgestellten Mudras zeigen nur einen Bruchteil des sehr reichen Schatzes an Gesten, Siegeln, Körperhaltungen und Atemübungen. Alle Mudras bergen Botschaften in sich. Es ist spannend und unglaublich interessant, diese zu entschlüsseln und für die Erhaltung oder Wiedererlangung der Gesundheit beziehungsweise zur geistigen und spirituellen Weiterentwicklung zu nutzen.

Katrin Burga Steiner – Yogalehrerin BDY/EYU