Shiva
Shiva—Ein sehr facettenreicher Gott

Shiva—Ein sehr facettenreicher Gott

Shiva—Ein sehr facettenreicher Gott

Shiva – Zerstörer des Universums

In der hinduistischen Götterwelt nimmt Shiva noch heute eine zentrale Stellung ein. Trotz seiner Beliebtheit ist es nicht einfach, ihn durch einheitliche Charaktereigenschaften zu beschreiben, denn er vereint die vielfältigsten Rollen in sich. Zahlreiche Mythen erzählen von seinen Taten und einzigartigen Eigenschaften. In diesem Artikel erfährst du mehr über seine Symbole, Erscheinungsformen und Verehrung. 

Wer ist Gott Shiva?

Wer ist Gott Shiva?

 

In der hinduistischen Mythologie bildet Shiva gemeinsam mit Brahma und Vishnu die Trimurti, das göttliche Dreiergespann. Ihm wird dabei die Rolle des Zerstörers zugeschrieben, während Brahma für die Erschaffung des Kosmos und Vishnu für dessen Erhalt zuständig ist.

Shiva ist allerdings ein sehr gegensätzlicher Gott. Abhängig von seinen vielen verschiedenen Erscheinungsformen nimmt er ganz unterschiedliche Rollen an. So ist er u.a. gewaltsamer Zerstörer des Universums, strenger Asket, liebender Ehemann und begehrter Liebhaber.

Gut zu Wissen

Shiva und die Frauen

Seine Ehefrau ist die liebevolle, sanfte Göttin Parvati. In ihrer Vereinigung bilden die beiden die Erscheinungsform Ardhanareshvara, also eine Figur, die aus einer weiblichen und einer männlichen Hälfte besteht.

Im Tantrismus wird der Gott auch oft in sexueller Vereinigung mit Shakti, der weiblichen Urkraft, gezeigt. Shakti ist dabei für Shivas Kräfte unabdingbar, denn ohne ihre Stärke kann er nichts Großes erreichen.]

Seine Entstehungsgeschichte kann nicht eindeutig nachvollzogen werden, wahrscheinlich vereint er aber mehrere Götter- und Geistererscheinungen der vor- und nicht-arischen Traditionen in sich. Möglicherweise kann der vedische Gott Rudra als ein Vorläufer angesehen werden. Eine Vorform des Shiva-Kults entstand unter der Herrschaft der Guptas (320-550 n. Chr.).

In den klassischen Mythen des Hinduismus ist er manchmal ,,boshaft-zerstörerisch‘‘ und dann wieder ,,gütig-wohlwollend‘‘ (Michaels, S. 239). Heutzutage erkennen die meisten seiner Anhänger/innen zwar seine wilde Seite an, wenn es aber um das Erbitten von Beistand oder Gefälligkeiten geht, appellieren sie an seine friedlichen Eigenschaften.

In welcher Form erscheint Shiva?

In welcher Form erscheint Shiva?

 

Vieles weist darauf hin, dass auch lokale Götter im Laufe der Zeit als Erscheinungsformen Shivas in die Mainstream-Tradition eingegangen sind. Das kann erklären, warum es so viele Mythen zu seinen verschiedensten Aspekten gibt.

Es heißt, dass Shiva 1008 Beinamen besitzt. Hier sind einige der bekanntesten:

  • Ardhanareshvara (Halb Mann, halb Frau)
  • Bhairava (Der Schreckliche)
  • Mahadeva (Der große Gott)
  • Mahakal (Gott der Zeit)
  • Pashupati (Gott der Tiere)
  • Ugradeva (Gott des Schreckens)

In welcher Form erscheint Shiva

Mahadeva

Eine beliebte Erscheinungsform Shivas ist die des Nataraja, König des Tanzes. In diesen Darstellungen tanzt er auf einem Zwerg den Tanz des Universums. Der Flammenkreis, der ihn umgibt, symbolisiert Energie in ihrer reinsten Form, während die Trommel in Shivas Hand das männliche und weibliche Prinzip darstellt. Der Zwerg steht für Unwissenheit, die zerstört werden muss.

Als eine der ältesten Verehrungsformen kann Shiva als Shiva-Lingam angesehen werden. In dieser Gestalt wird der Gott von einem phallusförmigen Stein symbolisiert. Shiva-Lingam steht für männliche Fruchtbarkeit und Schöpfungskraft. Die Gläubigen verehren also nicht das männliche Fortpflanzungsorgan, sondern ihren mächtigen Gott in anderer Form.


Welche Symbole gehören zu ihm?

Welche Symbole gehören zu ihm?

 

Populäre Darstellungen  zeigen ihn häufig spärlich mit einem Leopardenfell bekleidet. Sein Haar ist entweder offen oder in einen Knoten geschlungen.

Er sitzt in der Lotosposition vor einem bergigen Hintergrund, der auf den heiligen Berg Kailash hindeutet, Shivas Wohnort im Himayala. Oft hat er zwei, manchmal aber auch vier Arme, mit denen er seine persönlichen Objekte hält.


 

 

  • Nandi/weißer Stier: Shivas Reittier ist Nandi, ein weißer Stier, der oft auf Darstellungen und in Tempeln des Gottes zu finden ist. Nandi symbolisiert anhaltende innere Stärke, die nur durch das Bezwingen körperlichen Verlangens und innerer Heftigkeit erlangt werden kann. Diese Eigenschaft verweist auf Shivas Kräfte als Asket.
  • Die Handstellungen: Seine rechte Hand ist in der schutzgebenden Stellung, der ,Abhaya‘, zu sehen. Die linke Hand verweilt in der ,Kriya‘-Position und deutet auf Shivas Handeln hin.
  • Das dritte Auge: Auf seiner Stirn trägt er ein drittes Auge. Seine drei Augen sind Symbole für Sonne, Mond und Feuer. Weil sein geöffnetes Stirnauge sengende Hitze verbreiten und dadurch den Kosmos verbrennen würde, bleibt es geschlossen.

Gut zu Wissen
Eine Geschichte aus der hinduistischen Mythologie soll zeigen, welche Schäden Shivas drittes Auge anrichten kann:

Eines Tages sah der Liebesgott Kama, wie Shiva tief in asketischen Übungen versunken war. Aus Spaß versuchte er, den mächtigen Gott aus seiner Versenkung zu reißen.

Shiva jedoch war durch Kamas Ablenkungsversuche so erzürnt, dass er sein Stirnauge öffnete und den Liebesgott durch einen starken Hitzestrahl verbrannte. Aus diesem Grund ist Kama  körperlos und muss ungesehen auf seine Liebesmission gehen.



  • Die Schlange(n): Die Kobras sind Zeichen des ewigen Kreislaufs der Zeit und der Unsterblichkeit (in Nordindien) sowie von Fruchtbarkeit (in Südindien).
  • Die Ganga: In Shivas Haar kann man die Göttin Ganga in Form eines Wasserstrahls erkennen. Manchmal fließt sie aus seinen Haaren in die Welt, in anderen Versionen wird sie als kurzer Wasserlauf dargestellt.
  • Die Waffe: In Nordindien hält der Gott einen Dreizack, in südindischen Bildern ein Beil in der Hand. Beide weisen auf seine göttlichen Fähigkeiten, u.a. als Schöpfer, Erhalter und Zerstörer des Kosmos, hin.


Shiva in den Mythen

Shiva in den Mythen

  • Shiva als Lingam


Vielleicht hast du dich schon einmal gefragt, warum Shiva von seiner Anhängerschaft in Form eines phallusförmigen Steins verehrt wird. Die hinduistische Mythologie erklärt dieses Phänomen folgendermaßen:

Eines Tages stritten sich die beiden Götter Brahma und Vishnu um die Frage, wer von ihnen die höhere Macht innehätte. Die Frage war durchaus gerechtfertigt, denn Brahma war der Schöpfer, Vishnu der Erhalter der Kosmos. Die Diskussion wurde hitziger, blieb aber ungeklärt. Plötzlich erschien eine phallusförmige Lichtsäule zwischen ihnen, die stetig anwuchs.

Es war Shiva in Gestalt von Jyotilinga. Die beiden Götter waren erstaunt und wollten herausfinden, welche Dimensionen diese Lichtsäule annehmen konnte. Während Brahma als Schwan in Richtung Himmel flog, brach Vishnu in seiner Wildschwein-Gestalt in die Unterwelt auf.

Doch ihre Mission blieb erfolglos: Sie schafften es nicht, den riesigen Lichtstrahl in seiner vollständigen Form zu messen. Triumphierend trat Shiva aus Jyotilinga heraus und verkündete, dass er derjenige sei, der Brahma und Vishnu hervorgebracht hätte und somit er die höchste Macht innehabe. Seit diesem Tag sollte er nur noch in Form eines Lingam verehrt werden.

 

  • Warum trägt Shiva die Ganga im Haar?


Eine Version des Mythos ist folgende: Die über Tausend Söhne eines wichtigen Herrschers waren durch den Fluch eines Sehers in Gefahr geraten und sollten verbrannt werden. Nur das Wasser der Göttin Ganga, die in der himmlischen Milchstraße lebte, konnte sie erretten.

Die Göttin höchstpersönlich erschien vor dem besorgten Machthaber und warnte, dass ihre gewaltigen Wassermassen die Erde durch ihre Wucht vernichten würden. Der König war untröstlich, aber schließlich erbot sich Shiva, zu helfen.

Es gelang ihm, die kraftvollen Ströme der Ganga in seinen Haaren aufzufangen und langsam an seinen Haarsträhnen auf die Erde herablaufen zu lassen. Auf diese Art behielten die Tausend Söhne des Raja ihr Leben, ohne dass andere Lebewesen Schaden genommen hatten.

Wie wird Shiva verehrt?

Wie wird Shiva verehrt?

 

Shiva ist auch heutzutage ein sehr beliebter Gott der hinduistischen Verehrungsszene. Wahrscheinlich lässt er sich auf den vedischen Gott Rudra zurückführen, der zum einen der Gott des Sturmes und der Vernichtung war, gleichzeitig aber auch Wohlwollen ausdrücken konnte.In der Wissenschaft wird außerdem spekuliert, ob er mit einem vor-vedischen Fruchtbarkeitskult in Verbindung gebracht werden kann, worauf sein Symbol, der Lingam, hinweisen könnte.

Es wird angenommen, dass sich bereits während der Gupta-Dynastie (etwa zwischen 320 bis 650 n. Chr.) ein Shiva-Kult durchsetzte, in dem er der Gott der Liebe und Vernichtung war und somit Ähnlichkeiten mit den heutigen Verehrungsformen hatte.

Wusstest du, dass...

…die Shiva-Verehrung im Hinduismus ,Shivaismus‘ genannt wird? Der Shivaismus ist allerdings nochmals in mehrere Gruppen unterteilt, die ihre jeweils eigenen Verehrungsformen und Mythen haben. Allen ist aber die Verehrung von Shiva als Hauptgott gemeinsam.

Maha-Shivratri: Die große Nacht Shivas

Unter den hinduistischen Feierlichkeiten gibt es natürlich auch eine zu Ehren von Shiva. Sie wird Maha-Shivratri genannt, was übersetzt ,Die große Nacht des Shiva‘ bedeutet. Das Fest findet jedes Jahr zwischen Januar und Februar statt.

Tagsüber fasten viele Gläubige, um dem Gott ihren Respekt zu zeigen, in der Nacht finden an vielen Orten große Pujas (Anbetungen von einer Gottheit) statt. Am nächsten Tag können alle Menschen auf Jahrmärkten weiterfeiern. Große Shivratri-Feste finden u.a. im indischen Gokarna (im Bundesstaat Karnataka) und in Kathmandu in Nepal statt.

 

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Für alle, die jetzt mehr wissen wollen:

  • Buß, Johanna: Hinduismus für Dummies. Weinheim: WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 2019.
  • https://www.learnreligions.com/stories-of-shiva-1770460
  • Jansen, Eva Rudy: Die Bildersprache des Hinduismus. Göttinnen und Götter, Erscheinungsformen und Bedeutungen. Haarlem/Holland: Binkey Kok Publications, 2009.
  • Krack, Rainer: Hinduismus erleben. Bielefeld: REISE KNOW HOW Verlag Peter Rump GmbH, 2011.
  • Michaels, Axel: Der Hinduismus. Geschichte und Gegenwart. München, C. H. Beck, 2012.
  • Scholz, Werner: Ein Schnellkurs. Köln: DuMont Buchverlag, 2008.

Hat dieser Text dir weitergeholfen oder dich sogar inspiriert? Oder hast du Anmerkungen, die du gerne teilen möchtest? Ich freue mich auf deine Meinung!



Autorin Sophie Dieck von Yoga Stilvoll

Sophie Dieck

Über Sophie Dieck als Autorin

Schon vor meinem Indologie-Studium faszinierten mich ganz unterschiedliche Bereiche der vielfältigen indischen Kultur. Während meiner Aufenthalte in Indien fielen mir oft Schnittpunkte zwischen Alltagskultur und jahrhundertealten philosophischen Traditionen auf, die sich—bewusst oder unbewusst—in den Leben der Menschen manifestiert hatten. Obwohl ich bereits seit langem Yoga in seiner ‚westlichen‘ Fitness-Form praktiziere, lernte ich erst vor ein paar Jahren eine Yogalehrerin kennen, die mir Yoga als allumfassende Philosophie nahebrachte. Durch meine Beiträge möchte ich dieses Wissen gut verständlich weitergeben und meinen Fokus auf die verschiedenen philosophischen Grundgedanken legen, um ein Gleichgewicht zwischen Theorie und Praxis zu schaffen.

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