Karma
Karma – das Prinzip der folgenreichen Taten

Karma – das Prinzip der folgenreichen Taten

Karma – das Prinzip der folgenreichen Taten

Karma – Gesetz von Ursache und Wirkung

Wenn im Alltag von ,Karma‘ gesprochen wird, sind meistens die guten oder schlechten Taten einer Person gemeint, die auf deren ,Tatenkonto‘ eingehen und Auswirkungen auf das spätere Leben haben. Auch Menschen, die nicht an das Konzept der Wiedergeburt glauben, scheinen zu wissen, was Karma bedeutet. Wie bei vielen Begriffen, die aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen wurden, gibt es allerdings auch hier einigen Aufklärungsbedarf. Wenn du die Ursprünge der Karma-Lehre, ihre verschiedenen Deutungen und jeweilige Relevanz im südasiatischen Raum kennenlernen willst, kann dir der folgende Text Klarheit verschaffen.

Karma – Begriffserklärung und kurze Definition

Karma - Begriffserklärung und kurze Definition

 

Der Begriff ,Karma‘ bezieht sich ganz allgemein auf die Handlungen eines Lebewesens und die Auswirkungen dieser Handlungen. Zu handeln—also Dinge zu tun, zu sagen oder zu denken—wird in vielen südasiatischen Religionen mit dem Weiterleben der Seele und somit mit dem Kreislauf der Wiedergeburten in Verbindung gesetzt.Das Sanskritwort ,Karma(n)‘ kann als ,Tat, Akt‘ übersetzt werden und bezeichnet gleichzeitig ein Konzept, welches nach dem Sprichwort ,,Man erntet, was man sät“ funktioniert. Das bedeutet, dass jede einzelne Tat eines Menschen Konsequenzen nach sich zieht, die akzeptiert werden müssen.

Niemand kann den Auswirkungen früherer Handlungen, aus dem gegenwärtigen oder vorherigen Leben, entgehen. Dafür kann jeder Mensch seine Zukunft durch die Art und Weise seiner gegenwärtigen Taten mitbestimmen und möglicherweise verändern. Letztlich ist mit jeder neuen Handlung das Abarbeiten des angefallenen Karma verbunden.

,,Jede Tat als Ursache bewirkt Lebensumstände, die ihrerseits als Ursache für neue Taten wirksam werden.‘‘ Konrad Meisig; S. 62


Die Karma-Lehre einfach erklärt

Die Karma-Lehre einfach erklärt

 

Das Karma-Konzept kann sehr gut mit dem Gesetz von Ursache und Wirkung verglichen werden. Jede begangene Tat, ob nun physisch, in Wort oder Gedanken, fällt auf den ,Täter‘ zurück.

Laut hinduistischer Karma-Lehre z.B. ist die gesellschaftliche Position und jeweilige Existenz eines Menschen—u.a. dessen Kastenzugehörigkeit und damit verbundener Reichtum, Beruf, soziale Anerkennung etc.—von den früheren Handlungen abhängig, die er/sie in einem früheren oder gegenwärtigen Leben ausgeführt hat.

Es gibt also zwei Zeitaspekte, die das Konzept auszeichnen: Vergangenheit und Zukunft. Die Lebensumstände in der Jetzt-Zeit sind durch Taten in anderen Geburten erklärbar, während der Verlauf des zukünftigen Lebens eines Menschen von dessen aktuellen Handlungen abhängen.

Aber Vorsicht: bei Karma handelt es sich nicht um das unabwendbare Schicksal einer Person, sondern kann in vielen Lebensbereichen selbst bestimmt werden. Wenn positive Handlungen positive Wirkungen nach sich ziehen, kann das alte Karma ,abgelebt‘ werden und die Seele eines Menschen zu einer neuen Geburt aufbrechen.

Eine Erlösung vom Wiedergeburtenkreislauf kann dabei traditionell nur von der Gesellschaftsklasse der Brahmanen erlangt werden.


Die Karma-Lehre einfach erklärt

Zwischen guten und schlechten Handlungen unterschieden



Gut zu Wissen

Um die Regeln der Lehre zu verstehen, kann die Metapher der Fruchternte helfen:
Um Frucht- und Gemüsesamen zur Reifung zu bringen und nach einem bestimmten Zeitraum schließlich gute Erträge zu erzielen, muss man eine gute Vorarbeit leisten und alle nötigen Schritte überdenken und vorbereiten. Nur so kann die Ernte gut und zufriedenstellend ausfallen.

Im Hinduismus gibt es 3 verschiedene Arten von Karma:

  1. Das Vorratskarma (sancita-karman): Das ist das Karma aus dem vergangenen Leben eines Menschen.
  2. Das gegenwärtige Karma (prarabdha-karman): Hierbei handelt es sich um Handlungen, die im aktuellen Leben eines Menschen durchgeführt werden und deren Auswirkungen unmittelbar sind.
  3. Das zukünftige Karma (agami-karman): All jenes karmischen Handlungen, durch die ein zukünftiges Leben der Person bestimmt und verändert werden kann.


Die Karmalehre in den südasiatischen Religionen:

Die Karmalehre in den südasiatischen Religionen

Karma im Buddhismus

Siddhartha Gautama (der spätere Buddha) gilt als Gründungsfigur des Buddhismus. Seine Lehren wurden bereits nach seinem Tod ganz unterschiedlich ausgelegt und interpretiert. Die buddhistischen Traditionen entstanden u.a. als Kritik an der vedischen Religion und dem dominierenden Brahmanismus, der sich stark auf den Ritualkult stützte.
Statt nun, wie im Brahmanismus üblich, zwischen rituell-akzeptierten und verbotenen Taten auszugehen, wurde in der buddhistischen Lehre erstmals nur zwischen guten und schlechten Handlungen unterschieden.

Somit war die moralische Deutung einer Handlung nicht mehr an das rituelle Verhalten einer Person (und damit gleichzeitig an deren gesellschaftlichen Status und die Kastenzugehörigkeit) gebunden, sondern konnte auf alle Individuen der Gesellschaft gleichermaßen und ohne Unterschiede angewendet werden.

Als Grundlage für die moralische Wertung einer Tat galt deswegen vor allem der innere Wille und die Einstellung der Person. Je nach Absichtlichkeit der Handlung konnten nun Schuld oder Unschuld bewertet werden.

In seinen Reden betonte Siddhartha Gautama, dass die Existenz eines Menschen nicht allein die Folge früherer Handlungen und deren Auswirkungen sei, sondern auch auf der freien Entscheidungsfähigkeit beruhen würde.  In der buddhistischen Lehre spielt deshalb die ,Formel vom abhängigen Entstehen‘ eine wichtige Rolle


Die Karmalehre in den südasiatischen Religionen

Jainismus und Karma

Der Jainismus wurde um 500 v. Chr., ähnlich wie der Buddhismus, als Reaktion auf die Vormachtstellung der Brahmanen in der vedischen Religion gegründet. Ziel im Jainismus ist es, die Seele von Karma zu befreien, um die eigenen Fähigkeiten ungehindert hervorzuheben. Nur so könne ein Mensch zu Erkenntnis und seelischer Aktivität gelangen.

Für Jinisten stellt Karma die Bindung an die Materie dar. Es ist eine fein-stoffliche Substanz, die der Seele anhaftet. Durch die karmische Anhaftung an die Seele wird die ursprüngliche Erkenntnisfähigkeit eines Menschen verdunkelt.

Karma-Partikel befinden sich überall im Kosmos verteilt, sind aber in ihrem schwebenden Zustand noch moralisch neutral. Erst durch die Entscheidungen und Taten des Einzelnen bekommen sie ihre positive oder negative Eigenschaft.

Zur Bindung an die Seele kommt es vor allem durch Leidenschaften und Verunreinigungen im menschlichen Handeln. Dabei kann es sich um Gefühle wie Gier, Wut oder Stolz handeln.

 

Auf einen Blick

In den jinistischen Schriften gibt es viele verschieden Einteilungen und Unterscheidungen des Konzepts. Hier sind die 8 Grundtypen des Karma aufgelistet:

  1. Wissenverschleierndes Karma
  2. Karma, durch das die Wahrnehmung oder das Sehen verschleiert wird
  3. Karma, durch das Leid oder Lust empfunden werden kann
  4. Verwirrendes Karma
  5. Karma, durch das die Lebensdauer eines Menschen bestimmt wird
  6. Karma, das die Zugehörigkeit zu einer Art, die körperliche Verfassung und diverse Besonderheiten einer Person bestimmt
  7. Karma, durch das der persönliche Status eines Menschen festgelegt wird
  8. Karma, das die Energie und unterschiedlichen Fähigkeiten eines Lebewesens beeinträchtigt

Die Grundlage, um dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entgehen, besteht darin, die Charakteristika des Karma zu kennen. Nur so kann er schließlich überwunden werden. Das Ziel dabei ist immer die Selbstreinigung der Seele und die damit verbundene Loslösung von der Anhaftung an die Welt.

 

Karma im Hinduismus

Die frühen Auffassungen im Hinduismus sahen den ethischen Gehorsam eines Menschen als Weg zur Erlösung. Das Leben eines Hindu war von seinen jeweiligen Pflichten und Schulden geleitet. In seiner heutigen Bedeutung war der Begriff noch nicht vorhanden.

Erwähnung findet das Konzept bereits in der Bhagavat Gita. In einem Gespräch zwischen Arjuna und Gott Krishna wird gezeigt, dass Zwang und Gewalt, auch wenn sie den eigentlichen Prinzipien des Karma widersprechen, in manchen Situationen nicht unmoralisch sind, solange sie auf dem persönlichen Dharma eines Menschen beruhen.

In einer späteren, einheitlicheren Auslegung des Konzepts wird beschrieben, dass eine Person überwiegend durch seine Selbstkontrolle Pflichten erfüllen kann. Begierde, Wut und Gier seien für die menschliche Natur zerstörerisch. Das bedeutet, dass das Resultat einer Handlung nicht durch eine äußere Macht auf eine Einzelperson gelegt wird, sondern Teil der Handlung ist.

Die spätere karmische Lehre des Hinduismus zeigt—ähnlich wie im Buddhismus und Jainismus—dass jeder Mensch seine Zukunft selbst bestimmen kann, indem er/sie in der Gegenwart durch die entsprechenden Handlungen die erwünschten Effekte erzielt. Solange eine Person ihre Leidenschaften nicht unter Kontrolle hat, ist auch die Mitbestimmung am eigenen Schicksal nur begrenzt.


Wie kann man Karma überwinden?

Wie kann man Karma überwinden?

 

In vielen religiösen Traditionen Südasiens spielen Kausalität und Kontinuität eine wichtige Rolle. Ihre jeweiligen Befreiungslehren, ob nun in Hinduismus, Buddhismus oder Jainismus, beschäftigen sich dabei auf unterschiedliche Art und Weise mit der Frage, wie man Karma überwinden kann.
Obwohl die  karmische Lehre einen vorherbestimmten Charakter hat, also vergangene Handlungen das Leben in der Gegenwart bestimmen, kann das Individuum selbstbestimmt für seine Zukunft wirken. Durch den Willen des Einzelnen kann die zukünftige Existenz gestaltet werden.

Das Fazit: Ein Mensch ist gleichzeitig an vergangene Handlungen gefesselt und kann sich dennoch durch gegenwärtige Taten von ihnen befreien.


Weiterführende Literatur zum Thema:

  • Basham, A. L.: Medieval Hindu India. In: A.L. Basham: A Cultural History of India. Neu-Delhi: Oxford University Press, 2015.
  • Halbfass, Wilhelm: Karma und Wiedergeburt im indischen Denken. München: Diederichs, 2000.
  • Hoare, Sophy: Geschichte, Philosophie und ein komplettes Übungsprogramm. Ravensburg: Otto Maier GmbH, 1988.
  • Mall, Ram Adhar; Soni, Jayandra: Kleines Lexikon der indischen Philosophie. Freiburg/München: Karl Alber, 2009.
  • Meisig, Konrad: Shivas Tanz. Der Hinduismus. Freiburg i. Br.: Herder, 2003.

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Autorin Sophie Dieck von Yoga Stilvoll

Sophie Dieck

Über Sophie Dieck als Autorin

Schon vor meinem Indologie-Studium faszinierten mich ganz unterschiedliche Bereiche der vielfältigen indischen Kultur. Während meiner Aufenthalte in Indien fielen mir oft Schnittpunkte zwischen Alltagskultur und jahrhundertealten philosophischen Traditionen auf, die sich—bewusst oder unbewusst—in den Leben der Menschen manifestiert hatten. Obwohl ich bereits seit langem Yoga in seiner ‚westlichen‘ Fitness-Form praktiziere, lernte ich erst vor ein paar Jahren eine Yogalehrerin kennen, die mir Yoga als allumfassende Philosophie nahebrachte. Durch meine Beiträge möchte ich dieses Wissen gut verständlich weitergeben und meinen Fokus auf die verschiedenen philosophischen Grundgedanken legen, um ein Gleichgewicht zwischen Theorie und Praxis zu schaffen.

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