Ahimsa
Was bedeutet Ahimsa

Ahimsa

Was bedeutet Ahimsa

Was bedeutet Ahimsa

Das Prinzip der ,Ahimsa‘ ist in vielen südasiatischen Religionen fest verankert. Populär wurde der Begriff vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch M. K. Gandhi. In der heutigen Zeit steht Ahimsa oft in enger Verbindung mit einer vegetarischen oder veganen Ernährung und dem Schutz von Tieren und Umwelt. Welche  weiteren Bedeutungen es gibt und warum es wichtig ist, nach Ahimsa zu leben, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Was bedeutet Ahimsa?

Was bedeutet Ahimsa?

 

Im Sanskrit bedeutet ,himsa‘ ,,Gewalt‘‘. Das ,a‘ davor verneint diese Bedeutung, ahimsa bedeutet also übersetzt ,Nicht-Gewalt‘. Etwas besser als diese wortwörtliche Übersetzung ist der Begriff Gewaltlosigkeit. Die Aussprache ist, anders als man denkt, nasaliert. D.h., dass das ,m‘ wie ein nasales ,n‘ ausgesprochen wird, also ,A-hin-sa‘.

Ahimsa ist sowohl eine Regel für eine gutes Miteinander in der Gesellschaft als auch ein religiöses Prinzip, durch das die Anhänger/innen einer Religion dazu angehalten werden, sich so friedfertig wie möglich zu verhalten und anderen Lebewesen nicht zu schaden.

Ahimsa im Yoga

Ahimsa im Yoga

 

In der Philosophie des Yoga bezeichnet Ahimsa das ethische Prinzip, das sich der Achtung alles Lebens auf der Erde verschreibt. Dazu gehört, dass kein Mensch verletzen oder töten darf und schlechte Taten durch ihn weder verursacht noch toleriert werden.In den Yogasutras des Patanjali ist Ahimsa das erste der fünf Yamas, die ethischen Grundregeln eines jeden Yogin.

,,Wer fest in der Gewaltlosigkeit gründet, in dessen Gegenwart lassen andere von Feindseligkeit ab.‘‘ Yogasutra 2.35

Wer nach Ahimsa leben möchte, muss zuerst das Wesen der Gewaltbereitschaft verstehen lernen. Nicht nur die Taten eines Yogin, sondern auch dessen Gedanken und Worte allen Lebewesen gegenüber sollten frei von jeglicher Gewalt sein.

Selbst wenn Andere nicht nach den Prinzipien der Gewaltlosigkeit leben, können sie durch die Anwesenheit des Yogin und dessen gewaltfreier Aura beeinflusst und möglicherweise sogar gebessert werden.


Gewaltlosigkeit im Jainismus und Buddhismus

Gewaltlosigkeit im Jainismus und Buddhismus

 

Die Ursprünge des Jainismus und Buddhismus liegen im frühzeitlichen Indien. Beide Religionen entstanden in Reaktion (und Kritik) auf bestimmte Elemente der vedischen Religion und dem Aufstieg der Brahmanen. Sowohl Jainas als auch Buddhisten strebten eine egalitäre und gewaltlose Gesellschaftsform an.

Obwohl eine vegetarische Ernährung im Buddhismus nicht explizit vorgeschrieben war, verurteilten buddhistische Gelehrte u.a. die rituellen Tieropfer der vedischen Traditionen. Anhänger/innen sollten stets darauf bedacht sein, keinem Lebewesen Leid zuzufügen.

Auch im heutigen Jainismus stellt ein gewaltfreies Leben die moralische Grundlage aller Gläubigen dar. Wie im Buddhismus und späteren hinduistischen Traditionen spielt die Ansammlung bzw. die Vermeidung von Karma eine wichtige Rolle.

Durch jegliche Form von Gewalt wird das meiste Karma angehäuft. Um diesem Kreislauf zu entgehen, sollen die Jainas es vermeiden, selbst die kleinsten Lebewesen in Luft, Feuer, Wasser und Erde zu verletzen.

Anders als Hinduismus und Buddhismus, beschäftigt sich der Jainismus systematisch mit dem Prinzip der Ahimsa. Demnach gibt es drei Arten der Gewalt:

  • Physische Gewalt—das Töten, Verletzen oder Zufügen körperlichen Schmerzes
  • Gewalt in Worten—der Gebrauch von rauer Sprache, Beschimpfungen, etc.
  • Mentale Gewalt—schlechte Gedanken, negative Meinungen oder sogar Hassgefühle anderen Menschen gegenüber


Diesen Punkten zufolge handelt ein Mensch entweder selbst gewaltvoll oder begünstigt und toleriert Gewalt. Auch wenn ein komplett gewaltfreies Leben nicht als realistisch angesehen wird, sollte jede Person das Ziel haben, so wenig Gewalt wie möglich in die Welt zu bringen.

Im Jainismus wird außerdem zwischen vier verschiedenen Arten der Verletzung unterschieden:

  • Zufällige Verletzung—sie entsteht durch tägliche Aktivitäten wie Kochen, Graben, Fortbewegen usw.
  • Berufsbedingte Verletzung—bestimmte Berufsgruppen verletzen Lebewesen allein durch ihre jeweiligen Tätigkeiten. Dazu zählen z.B. Soldaten, die Töten müssen, aber auch Bauern, die durch das Umpflügen des Bodens Millionen kleiner Lebewesen schaden.
  • Abwehrende Verletzung—hierzu zählen Selbstschutz und die Verteidigung der eigenen Person oder Familie in bedrohlichen Situationen.
  • Absichtliche Verletzung—das bewusste Töten oder Schlachten von Tieren fällt unter diesen Punkt, aber auch jede andere mutwillige Verletzung anderer.


Da nicht jeder Mensch zum Asketentum übertreten kann, um sich einem komplett gewaltfreien Leben zu widmen, besteht im Jainismus zumindest das Gebot, jede absichtliche Verletzung zu vermeiden und in allen Bereichen des Lebens darauf zu achten, schadlos zu handeln.


M.K.Gandhi und Ahimsa

K.Gandhi und Ahimsa

 

Mahatma Gandhi

Mahatma Gandhi

Das westliche Indienbild—eine friedliebende Kultur mit einer überwiegend vegetarisch-lebenden Bevölkerung—wurde stark von Mohandas Karamchand Gandhi (auch bekannt als ,Mahatma‘ Gandhi) und dessen Popularität im frühen 20. Jahrhundert geprägt.

[Gut zu wissen: Die Inspiration für seinen friedvollen Lebensstil und politischen Aktivismus zog M.K. Gandhi aus vielen unterschiedlichen Quellen: die komplexe Auslegung von Ahimsa im Jainismus, christliche Schriften, die Lehren des Buddha, aber auch die Philosophie des russischen Schriftstellers Lew Tolstoi führten dazu, dass Gandhi das Konzept der Ahimsa nicht nur im religiösen Sinn befolgte, sondern es auf alle Lebensbereiche ausweitete.]

Gandhi erweiterte die Bedeutung von Ahimsa um die Konzepte der Gutmütigkeit, Liebe, und Barmherzigkeit. Für ihn stellte Gewaltlosigkeit das einzige Mittel zur Realisierung der Wahrheit (und somit Gottes) dar. Sie bedeute komplette Unschuld und einen perfekten Zustand, der von allen Menschen unbewusst angestrebt werde.

[,,Non-violence is therefore, in its active form, goodwill towards all life. It is pure Love.’’   (M.K.Gandhi)]

Im Kampf für die indische Unabhängigkeit nutzte Gandhi den gewaltfreien Widerstand, um die politischen Ziele zu erreichen. Selbst die Gewalttaten der britischen Regierung sollten von Gandhis Anhängerschaft friedlich und ohne innere Feindseligkeit beantwortet werden. Für ihn heiligte der Zweck nicht die Mittel, weswegen kompromisslose Gewalt zur Erreichung des Ziels nie eine Option darstellte.

Gandhi und seine Anhängerschaft waren der festen Überzeugung, dass die britische Kolonialmacht im Laufe der Zeit von der politischen Ahimsa überzeugt werden und sich schließlich bessern würde. Gandhi selbst betonte immer wieder, dass Ahimsa kein Mittel schwacher oder mutloser Menschen sei, sondern im Gegenteil nur durch Mut und innere Standhaftigkeit durchführbar wäre.


Warum ist Ahimsa so wichtig?

Warum ist Ahimsa so wichtig?

 

Wer die aktuellen Nachrichten über Klimakrise, Bürgerkriege, Korruption und Hassverbrechen mitverfolgt, kann leicht den Glauben an die Menschheit verlieren. Kein Tag vergeht ohne eine neue Gewalttat an irgendeinem Ort dieser Welt. Angesichts despotischer Machthaber/innen fühlen sich viele von uns machtlos und schwach.

Am Beispiel M.K.Gandhis kann man allerdings sehen, wie viel Macht ein einzelner Mensch durch seine Überzeugungen haben kann. Durch seinen gewaltlosen Widerstand und das Prinzip bedingungsloser Ahimsa gelang es ihm, eine riesige Anhängerschaft um sich zu sammeln und sich gegen die gewaltbereiten Kolonialmächte zu stellen.

Natürlich kann nicht jeder gleich so Großes bewirken! Es reicht schon, wenn du dich in deinem persönlichen Umfeld nach den Regeln der Ahimsa zu richten versuchst. Das fängt schon mit Kleinigkeiten an: ein Lächeln, eine nette Geste, Höflichkeit und Unvoreingenommenheit anderen Menschen gegenüber machen den Alltag positiver.

  • Versuche, geduldig zu sein und dich nicht mit Vorurteilen oder gar Hass zu belasten. Begegne anderen in deinem Umfeld mit Vertrauen und Offenheit.

 

  • Vermeide absichtliche Verletzungen, z.B. durch eine vegetarische oder vegane Ernährung (bei der kein Tier misshandelt oder gar geschlachtet werden muss) oder durch einen liebevollen Umgang mit Familie und Freunden.

 

  • Sei standhaft gegen Ungerechtigkeiten, Rassismus oder andere Formen der Diskriminierung. Setze dich für Betroffene ein, ohne dabei selbst nach gewaltsamen oder verletzenden Mitteln zu greifen.


Mit diesen einfachen Regeln machst du dir das Leben leichter und kannst sogar deine Umgebung positiv beeinflussen. Ahimsa ist vielfältig und kann in allen Lebensbereichen angewendet werden. Mit deiner inneren Überzeugung und dem Willen, Gutes zu bewirken, wirst du viel erreichen.


Weiterführende Literatur zum Thema Ahimsa:

  • Bäumer, Bettina (Hrgs.): Die Wurzeln des Yoga. Bern u.a.: Scherz Verlag, 1976.
  • Bhatt, Bansidhar: Ahimsa in the early religious traditions of India. Rom: Centre for Indian and Inter-religious Studies, 1994.
  • Gandhi, M.K.: An Autobiography or The Story of my Experiments with Truth. London: Penguin Books, 2001.
  • Richards, Glyn: The Philosophy of Gandhi. A study of his basic ideas. London: Curzon Press, 1992.
  • The Collected Works of Mahatma Gandhi (1922-1924). Neu-Delhi: Publications Division, 1994.
  • Upadhye, A.N.: In: A.L.Basham (Hrgs.): A Cultural History of India. Neu- Delhi: Oxford University Press, 2015; S. 100-110.


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Autorin Sophie Dieck von Yoga Stilvoll

Sophie Dieck

Über Sophie Dieck als Autorin

Schon vor meinem Indologie-Studium faszinierten mich ganz unterschiedliche Bereiche der vielfältigen indischen Kultur. Während meiner Aufenthalte in Indien fielen mir oft Schnittpunkte zwischen Alltagskultur und jahrhundertealten philosophischen Traditionen auf, die sich—bewusst oder unbewusst—in den Leben der Menschen manifestiert hatten. Obwohl ich bereits seit langem Yoga in seiner ‚westlichen‘ Fitness-Form praktiziere, lernte ich erst vor ein paar Jahren eine Yogalehrerin kennen, die mir Yoga als allumfassende Philosophie nahebrachte. Durch meine Beiträge möchte ich dieses Wissen gut verständlich weitergeben und meinen Fokus auf die verschiedenen philosophischen Grundgedanken legen, um ein Gleichgewicht zwischen Theorie und Praxis zu schaffen.

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